Wer gegen seinen Willen sexueller Gewalt ausgesetzt ist, reagiert oft eingeschüchtert und verzweifelt. Vieles passiert hinter verschlossenen Türen und oft wird aus Scham- oder Schuldgefühl nicht über das Geschehene gesprochen. Das betrifft sowohl Frauen als auch Männer. Viele Betroffene schweigen. Andere denken nicht nur über eine Anzeige, sondern auch über eine Therapie nach, um zu verarbeiten, was passiert ist. Doch wie sollte jemand vorgehen, der sexuell belästigt oder genötigt wurde? Wann spricht man von einem Missbrauch, einer Nötigung, einer Vergewaltigung oder einer Belästigung? In diesem Artikel erfahren Sie, was Sie beachten müssen, wenn Sie Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten möchten.

Wann kann man sexuelle Belästigung anzeigen?

In den letzten Jahren hat das Thema der sexuellen Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft an Relevanz gewonnen. Viele Menschen stellen sich die Frage, ob sie Opfer von sexueller Gewalt geworden sind und wie solche Fälle in der Justiz behandelt werden. Zurecht herrscht in diesem Bereich noch viel Unklarheit: Denn seit 2016 gibt es in Deutschland ein neues Sexualstrafrecht. Dieses berücksichtigt nun auch die Fälle, in denen Opfer sexuell motivierter Taten bislang schutzlos geblieben sind. Auf diesem Wege wurde auch ein neuer Straftatbestand geschaffen: Betroffene können jetzt Anzeige wegen sexueller Belästigung stellen (§ 184i StGB).

Die sexuelle Belästigung steht in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der Beleidigung, denn sie zielt auf die Würde einer Person ab. Sie ist ehrverletzend und erfüllt somit auch immer den Tatbestand der Beleidigung, der in § 185 StGB unter Strafe gestellt ist. Bis 2016 waren sexuelle Belästigungen im StGB nicht mit einem eigenen Straftatbestand, sondern nur im Rahmen des Beleidigungstatbestands strafbar.

Dies hat sich mit der Einführung des § 184i StGB geändert. Demnach macht sich strafbar, wer eine andere Person gegen ihren Willen auf sexuelle Art am Körper berührt und dadurch belästigt.

Eine solche Belästigung liegt vor, wenn das sexuelle Verhalten der anderen Person unerwünscht ist. Denn das Strafgesetzbuch – und im Übrigen auch andere Gesetzesbücher – schützt die sexuelle Selbstbestimmung jeder Person. Das bedeutet, dass alle Menschen in Deutschland selbst entscheiden dürfen, mit wem und auf welche Weise sie eine sexuelle Handlung vornehmen. Zu einer Belästigung gehören nicht nur Berührungen und Aufforderungen, sondern auch sexuelle Bemerkungen oder auch das Zeigen von Körperteilen oder pornografischen Inhalten, etwa in der Bahn oder am Arbeitsplatz.

Die sexuelle Belästigung ist mit einer Geldstrafe oder mit einer Gefängnisstrafe von bis zu 2 Jahren unter Strafe gestellt. Eine Geldstrafe wird jedoch nicht verhangen, wenn die Tat durch mehrere Personen gemeinschaftlich begangen wird. In diesem Fall stellt das Strafrecht wegen dem besonders schweren Fall ausschließlich auf eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten bis zu 5 Jahren ab.

Je nach Einzelfall kann die Tat auch andere Tatbestände erfüllen, die die sexuelle Selbstbestimmung einer Person schützen. In diesem Fall haben die anderen Tatbestände Vorrang, die eine härtere Bestrafung vorsehen (zum Beispiel durch Einsatz von Gewalt). Somit kann das Urteil wesentlich härter ausfallen als in § 184i StGB vorgesehen ist. Ein solcher Tatbestand ist die sexuelle Nötigung, über die wir weiter unten zu sprechen kommen.

Sie sind Opfer sexueller Gewalt geworden und möchten strafrechtlich dagegen vorgehen? Sie haben weitere Fragen zur sexuellen Belästigung? Kontaktieren Sie unsere Strafrechtsexperten jederzeit per Kontaktformular. Wir bieten eine kostenlose und unverbindliche Erstberatung per E-Mail an. Im Rahmen unserer Erstberatung erhalten Sie innerhalb von 24 Stunden eine rechtliche Auswertung und weitere Informationen zu Ihrem individuellen Fall. Gerne unterstützen wir Sie auch bei der Anzeigeerstattung und beraten Sie über das weitere Vorgehen.

Anzeige oder Strafantrag: Was ist der Unterschied?

Die sexuelle Belästigung gehört zu den Straftaten, die von den Ermittlungsbehörden nur dann bearbeitet werden, wenn die betroffene Person einen Strafantrag stellt. Mit einem Strafantrag wird ausdrücklich die Verfolgung einer Tat verlangt – und zwar von der betroffenen Person selbst.

Bei einer Strafanzeige ist das anders: Anzeigen können auch durch eine unbeteiligte Person gestellt werden, die nicht unbedingt eine Strafverfolgung verlangt, sondern die Polizei oder die Staatsanwaltschaft nur über einen relevanten Fall informieren möchte. Bei Anzeigen sind demnach verschiedene Konstellationen denkbar: Es kann sich ein Zeuge oder eine Zeugin melden, jemand kann Selbstanzeige erstatten oder auch eine Anzeige gegen Unbekannt stellen. In einigen Fällen sind Anzeigen einer Straftat sogar verpflichtend, etwa dann, wenn jemand eine schwerwiegende Straftat plant (z.B. Mord oder eine räuberische Erpressung). Diese Konstellationen sind bei einem Strafantrag grundsätzlich nicht möglich.

Aus diesem Grund sind an den Strafantrag auch höhere Anforderungen gestellt als an die Strafanzeige. Bei einem Strafantrag muss die betroffene Person sich entweder schriftlich oder vor Ort an ein Gericht oder eine Strafverfolgungsbehörde (Polizei und Staatsanwaltschaft) wenden. Ein Anruf oder das Ausfüllen eines Onlineformulars ist hier nicht ausreichend.

Eine Strafanzeige kann auch telefonisch oder per Mausklick über Onlineportale der Polizei erstattet werden kann. Die “Hürde”, eine Anzeige zu erstatten, ist demnach nicht besonders groß. Doch genau deshalb ist hier äußerste Vorsicht geboten: Wer Anzeigen erstattet, obwohl er weiß, dass seine Angaben nicht der Wahrheit entsprechen, kann sich ebenfalls strafbar machen.

Ein Strafantrag kann nur innerhalb von 3 Monaten und nur von der betroffenen Person selbst gestellt werden. Die Frist beginnt mit dem Ablauf des Tages, in dem das Opfer von der Tat erfährt. Dies bedeutet auch, dass die Frist erst dann zu laufen beginnt, wenn das Opfer weiß, wer der Täter ist bzw. war. Ist innerhalb dieser Frist kein Strafantrag gestellt worden, wird das Verfahren in der Regel eingestellt. Das bedeutet, dass die Strafverfolgungsbehörden diesem Fall nicht mehr aktiv nachgehen. Eine Ausnahme hiervon gibt es allerdings: Wenn die Behörde bejaht, dass der Fall das besondere öffentliche Interesse berührt, kann der Fall auch nach Fristablauf (also ohne Strafantrag) weiterverfolgt werden.

Im Gegensatz dazu kann eine Strafanzeige jederzeit und auch von Personen gestellt werden, die nicht von der Tat betroffen sind.

Sie haben weitere Fragen zu diesem Thema oder wünschen mehr Informationen? Sie sind sich nicht sicher, wie Sie jetzt am besten vorgehen sollten? Wir konnten mit unserer Online-Rechtsberatung schon vielen Menschen bei ihren rechtlichen Anliegen weiterhelfen. Gerne unterstützen wir auch Sie im Rahmen unserer kostenlosen Erstberatung per Mausklick.

Wann liegt eine sexuelle Nötigung vor?

Unsere Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte erleben häufig, dass ein Fall gleich mehrere Straftatbestände erfüllt. Wenn eine Handlung in einer anderen Norm im StGB härter bestraft wird, hat diese im Sexualstrafrecht zunächst Vorrang. Seit Jahren sind wir bundesweit in strafrechtlichen Fällen für unsere Mandatinnen und Mandanten aktiv und prüfen, inwiefern eine Straftat vorliegt. Dabei vertreten wir sowohl Frauen als auch Männer, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind.

Die sexuelle Nötigung ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl sexueller Handlungen gegen den Willen einer Person. Dies kann zum Beispiel der sexuelle Missbrauch oder die Vergewaltigung sein.

Eine Person macht sich nach § 177 StGB strafbar, wenn sie gegen den Willen einer anderen Person

  • sexuelle Handlungen an ihr vornimmt
  • sie dazu veranlasst, selbst sexuelle Handlungen vorzunehmen
  • sie dazu bestimmt, sexuelle Handlungen durch eine dritte Person zu dulden
  • sie dazu bestimmt, an einer dritten Person sexuelle Handlungen vorzunehmen

Dabei muss der entgegenstehende Wille nach außen hin erkennbar sein (beispielsweise durch Handzeichen oder ein “Nein”). Dieses Vorgehen wird mit einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten bis zu 5 Jahren bestraft.

Dieselbe Strafe trifft eine Person, die bei der sexuellen Nötigung

  • ausnutzt, dass die andere Person nicht in der Lage ist, einen entgegenstehenden Willen zu bilden oder zu äußern
  • ausnutzt, dass die andere Person wegen ihres körperlichen oder psychischen Zustands erheblich darin eingeschränkt ist, einen eigenen Willen zu bilden oder zu äußern und auch keine anderweitige Zustimmung vorliegt (z.B. durch Alkoholeinfluss)
  • die andere Person wider Erwarten mit einem Übergriff überrascht
  • ausnutzt, dass der anderen Person bei Widerstand ein empfindliches Übel droht
  • die andere Person durch Drohung mit einem empfindlichen Übel (z.B. Gewalt) dazu nötigt, sexuelle Handlungen vorzunehmen oder zu dulden

Schon der Versuch einer solchen Straftat ist unter Strafe gestellt. In besonders schweren Fällen kann die Strafe deutlich härter ausfallen. Beispielsweise droht jemandem, der die Straftat mithilfe einer Waffe begeht, eine Gefängnisstrafe von mindestens 5 Jahren. Weitere Straftatbestände, wie zum Beispiel der sexuelle Missbrauch von Kindern, Kranken oder Hilfsbedürftigen, sind in den §§ 174 bis 176d StGB geregelt.

Sie möchten wissen, ob in Ihrem Fall eine Belästigung oder eine sexuelle Nötigung vorliegt? Sie haben offene Fragen zum Sexualstrafrecht oder zur sexuellen Nötigung? Melden Sie sich gern jederzeit unverbindlich bei unseren Strafrechtsexperten, die Ihnen mit Ihrer jahrelangen Erfahrung im Strafrecht zur Seite stehen. Über diese Seite erreichen Sie uns rund um die Uhr.